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Edgar Allan Poe: Die Morde in der Rue Morgue





„Let us now transport ourselves, in fancy, to this chamber.” (Poe)


Gibt es eine Urgeschichte des modernen Verbrechens? Wo hat der Kriminalroman eigentlich seine historischen Wurzeln? Ganz klar im 18. Jahrhundert, bei Friedrich Schiller, E.T.A. Hoffmann, Annette von Droste-Hülshoff, Adolf Müllner oder Heinrich von Kleist. Zur eigentlichen Geburtsstunde des Krimis wurde allerdings erst Edgar Allan Poes Erzählung Die Morde in der Rue Morgue von 1841, im Original: The Murders in the Rue Morgue. Mit dieser Erzählung ist es Poe gelungen, gleichsam ein Urbild des modernen Verbrechens zu entwerfen. Können Sie den Fall aufklären? Diesen Sensationellen Mord, wie es in der Pariser Zeitung heißt, diesen grauenhaften Fall, diese Tragödie in der Rue Morgue?

Die Opfer sind zwei Frauen, Mutter und Tochter, namentlich Madame L’Espanaye und Mademoiselle Camille L’Espanaye. Die Bewohner des Quartiers St. Roch werden morgens gegen drei Uhr durch entsetzliche Schreie geweckt, die aus dem vierten Stockwerk eines Wohnhauses der Rue Morgue dringen, das von den beiden Frauen alleine wohnt wurde. Das Zimmer, in dem die blutige Tat geschah, ist von innen verschlossen. Als man den verwüsteten Raum aufbricht, ist es leer. Die Leiche der alten Mutter wird schließlich mit durchgeschnittener Kehle und fast abgetrenntem Kopf im Innenhof entdeckt, die junge Tochter erwürgt und kopfüber im Kamin. Doch auch die Fenster sind verschlossen. Wie bitteschön konnten der oder die Mörder flüchten? Ganz Paris rätselt, wer so eine grausame Tat begehen kann.

Und warum bloß? Und wie?

Die Polizei verdächtigt den Falschen, doch mithilfe des genialen Privatiers C. August Dupin kann der Fall aufgeklärt werden. So verkörpert Dupin auch den idealen Aufklärungsgeist: Als verarmter Adliger hat er kein politisches oder finanzielles Interesse mehr an der Wahrheit als diese selbst. Unterstützt wird er von seinem bürgerlichen Freund, der die Geschichte erzählt. Dupin verfügt über zwei Fähigkeiten, die nur selten in ein und derselben Person vereint sind: Sein scharfer Verstand ermöglicht ihm die Zergliederung des trügerischen Ganzen, aufgrund seiner Einbildungskraft vermag er die Einzelteile in eine neue Konstellation zu bringen, in der die Wahrheit erscheint, ähnlich der Deutung eines Sternbildes.

Alle Zeugen sagen aus, nur die Stimme des Mörders aus dem verschlossenen Zimmer vernommen zu haben. Merkwürdigerweise scheinen es zwei Stimmen zu sein: Eine männliche Stimme, die eindeutig „Mon Dieu!“ gerufen habe. Zudem eine heisere, schrille Stimme, die niemand wirklich verstehen konnte. Es müsse ein Italiener gewesen sein, sagt der Zeuge, der kein Italienisch versteht. Ein anderer, dem das Deutsche fremd ist, sagt aus, es müsse ein Deutscher gewesen, und so weiter: ein Engländer, ein Russe, ein Franzose. Neben der rätselhaften Stimme sind noch andere Beobachtungen bemerkenswert: Der Mörder verfügt über eine brutale, geradezu unmenschliche Gewalt. Außerdem über eine artistische Geschicklichkeit, die es ihm ermöglichte, an der Fassade des Hauses bis ins 4. Stockwerk zu klettern.

Wie gibt das Ganze bloß Sinn? Richtig. Der Mörder war gar kein Mensch, sondern der Affe eines Seefahrers, ein Orang-Utan. Sein Herr war gerade dabei, sich zu rasieren, als es ihm gelang, aus dem Käfig auszubrechen, das Rasiermesser zu stehlen und damit in die Rue Morgue zu rennen, über einen Blitzableiter an der Fassade hochzuklettern und durch ein Schiebefenster in das verschlossene Zimmer der Frauen einzudringen. Sein Herr, der ihm gefolgt ist, muss das Gemetzel von außen schockiert mitansehen und beschließt aus Angst, den Mantel des Schweigens darüber zu breiten.

Als Urbild des modernen Verbrechers präsentiert uns Edgar Allan Poe also einen Herrn, der nur die Maske der Kultiviertheit trägt. Im Innern ist er roh und brutal geblieben, ein Affe, der in einen Käfig gesperrt wurde und nur auf eine Gelegenheit lauert, auszubrechen. Dem idealen Aufklärer geht es darum, den trügerischen Schein zu entlarven und uns letztlich zu der Erkenntnis zu verhelfen, dass es nicht ausreicht, sich zu rasieren, um zu einem wahren Menschen zu werden. Auch hundert Jahre später wird Agatha Christie noch die Summe ihres Schreibens mit dem Satz ziehen: „Das menschliche Gesicht ist im Grunde genommen nichts anders als eine Maske.“


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