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Lesen macht glücklich

Es wird wieder Herbst. Die Abende werden wieder länger, sie werden früher dunkler und mehr zu Hause auf dem Sofa stattfinden. Das kann ganz schön eng werden. Doch auch das Gegenteil kann der Fall sein: Sie brauchen dafür nur ein Buch. Dann schnallen Sie sich bitte sorgfältig auf Ihrem Sofa an und fliegen los. Denn Lesen ist viel mehr als Unterhaltung oder Wissensvermittlung. Bereits über der legendären Bibliothek von Alexandria prangte einst die Inschrift Psychēs iatreion, das bedeutet: Heilstätte der Seele.

Lesen ist magisch. Jedes Kind weiß: Wenn Atreju auf seinem Glücksdrachen Fuchur durch die Luft reitet, lesen wir nicht nur davon, sondern wir tun es wirklich. Das hat die Neurowissenschaft mit der Entdeckung der Spiegelneuronen bestätigt. Wenn wir etwas tun, zum Beispiel im Regen küssen, dann feuern in unserem Gehirn die Spiegelneuronen. Sie feuern aber auf gleiche Weise, wenn wir diesen Vorgang bei anderen beobachten. Und Achtung – jetzt wird es spannend: Sie feuern ebenso, wenn wir „nur“ davon lesen. Davon zu lesen, dass sich jemand im Regen küsst, ist also fast ein bisschen so, wie es selbst zu tun. Davon zu lesen, wie jemand fliegt, ist selber fliegen. Man spricht hier von einem neuronalen Resonanzraum. So kann es passieren, dass wir beim Lesen tatsächlich mit den Figuren lachen, weinen und trauern. Wir begleiten sie durch ihre Welt und finden mit ihnen am Ende zur Lösung ihrer Probleme und Widersprüche, die ihre Geschichte vorangetrieben haben. Schon Aristoteles beschrieb diese Magie in seiner Poetik mit dem Begriff der Katharsis, den er der Medizin entlehnte. In der Medizin bedeutete Katharsis ursprünglich die Entgiftung des Körpers. In der Literatur bedeutet Katharsis mehr, als ihre oft verkürzte Vereinfachung im Sinne eines Aggressionsventils suggeriert.

Lesen bringt Gefühle zur Sprache und schenkt ihnen eine ganze Welt. Lesen weitet das verengte Herz und löst die Angst. Lesen muss deshalb keine Theraphie sein, kann es aber. In Schweden und den USA werden von sogenannten Bibliotherapeuten Bücher auf Rezept verschreiben. Die sogenannte Bibliotherapie ist dort längst eine anerkannte Therapiemethode. Soweit sind wir in Deutschland noch nicht. Bei muss jeder den Ritt durch phantastische Welten und Möglichkeiten selbst bezahlen.

Schön und gut: Aber bei einem Krimi funktioniert das doch sicher nicht, ein Krimi heilt doch die Seele nicht, sondern belastet sie mit Mord und Totschlag – könnte man einwenden. Das stimmte allerdings schon bei der antiken Tragödie nicht, die vom Inhalt her auch nicht gerade aus Zucker war. Jugendgerichte in Deutschland habe in einem Pilotprojekt getestet, ob es etwas bringt, jugendliche Straftäter zur Lektüre eines Buches zu verurteilt anstatt zu Sozialstunden. Die Bücher, die die Straftäter lesen müssen, sollen dabei in einem möglichst engen Zusammenhang zur verübten Tat stehen. Dadurch rücken Krimis auf der Leseliste ganz weit nach oben. Durch Lesen können Jugendliche und Erwachsene Zugang zu Gefühlen finden, die ihnen bis dahin fremd geblieben sind, nicht zuletzt zu ihren eigenen. Sie finden eine Sprache für das, dem sie bisher stumm und ohnmächtig ausgeliefert waren. In Brasilien bekommen Gefängnisinsassen sogar für jedes gelesene Buch vier Tage Straferlass.

Vier Tage Straferlass, staune ich, wow. Das gönne ich mir nun also auch, indem ich mich mit einem neuen Buch auf mein Sofa lege und sage: Ich lese nicht. Ich trainiere meine Seele für mehr Freiheit.



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