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Napoleons Hand. Gesten der Macht

Aktualisiert: 4. Mai



Warum steckte Napoleon eigentlich immer seine Hand unter die Weste? Haben Sie eine Antwort darauf? Neulich wurde ich mit dieser Frage bei einer Führung durch den Louvre in Paris konfrontiert. Das einzige Kind in der Runde, ein Mädchen mit einem süßen Lockenkopf, hatte sie gestellt. Für die Kunsthistorikerin, die uns herumführte, war diese Frage offensichtlich nicht neu, denn sie lächelte wissend. Ob jemand von uns eine Antwort darauf habe, fragte sie zunächst in die Runde, was könnte das bedeuten?

Erklärungsversuche gab es viele: Napoleon habe Nägel gekaut und sich für seine hässlichen Finger geschämt. Das Portraitstehen habe ihn gelangweilt, weshalb er an seiner Taschenuhr herumgespielt habe. Napoleon habe dort ein parfümiertes Taschentuch versteckt, weil es damals noch keine Deodorants gegeben habe. Hände malen sei schwierig, zeitaufwendig und teuer gewesen, da habe man halt gespart. Das sei eine geheime Erkennungsgeste der Freimaurer, die zeige, dass eigentlich nicht Napoleon, sondern eine verborgene Hand die Weltgeschichte regiert habe.

Das sei natürlich alles Unsinn, sagte die Kunsthistorikerin. Sparen habe Napoleon sicher nicht müssen, denn über seine Kriege habe er tonnenweise Gold und Kunstschätze erbeutet und nach Paris geschickt. Dadurch habe er genug Geld gehabt, sich hundert Hände malen zu lassen. Auch das mit den Freimaurern sei Quatsch, denn die Geste habe es bereits in der Antike gegeben und auch Stalin habe sich noch 1948 so abbilden lassen.

Dann erklärte sie uns, dass diese Geste eine beliebte Geste der Macht gewesen sei, mit der sich viele bedeutende Männer im 18. und 19. Jahrhundert hätten abbilden lassen. Bereits in der Antike hätten römische Imperatoren und Redner ihre Hand unter die Toga gesteckt, wodurch man Besonnenheit und Kontrolle zur Schau gestellt habe. Denn wer beim Reden wild mit den Händen herumfuchtele, der gilt als unbeherrscht, als jemand, der seine Gefühle nicht im Griff habe. Wer ein wahrer Herrscher sein wolle, der müsste nicht nur Millionen von Untertanen beherrschen können, sondern an erster Stelle auch sich selbst.

Weiter fuhr sie vor, dass Napoleon wahrlich seine Gefühle im Griff gehabt habe. Er habe sie sogar so fest im Griff gehabt, dass er seine große Liebe, eine Frau namens Joséphine, der Macht und ihrem Erhalt geopfert habe. Weil Joséphine ihm keine Nachkommen geboren habe, habe er sich scheiden lassen. Er müsse einen Bauch heiraten, habe er ihr erklärt. Und dass Joséphine das verstehen müsse, denn seine wahre Geliebte sei nun mal die Macht. Also heiratete er aus strategischen Gründen eine Habsburgerin, die ihm dann auch mehrere Kinder geboren habe. Trotz allem habe er den Verlust seiner großen Liebe nie ganz überwunden.

Da meldete sich das Mädchen mit dem Lockenkopf wieder zu Wort. Dann sei es doch offensichtlich, warum er die Hand immer unter die Weste gesteckt habe, erklärte sie uns Erwachsenen. Das sei, weil ihm das Herz wehgetan habe. Er sei ihm mit den Jahren so schwer geworden, dass er es habe stützen müssen. Die Antwort des Mädchens kam uns allen zwar naiv vor – und dennoch gab sie auch der Kunsthistorikerin zu denken. Tatsächlich litt Napoleon unter Depressionen, erklärte sie, und führte immer eine Giftkapsel mit sich, jederzeit bereit, sich das Leben zu nehmen, falls seine strategischen Pläne nicht aufgingen. Als er in der Verbannung auf St. Helena mit nur 51 Jahren starb, seien seine letzten Worte „Frankreich, die Spitze der Armee“ gewesen, und dann: „Joséphine!

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