RICHTIG SCHÖN WARM. Kurzkrimi.



Melanie legte ein neues Holzscheit in den Kachelofen. Sie war im Wald spazieren gewesen und der Novembernebel hatte sich wie eine kalte Decke um ihre Schultern gelegt. Doch zu Hause in ihrer Wohnstube war es nun richtig schön warm. Melanie setzte sich in den Sessel und streckte die Hände der Wärme entgegen. Langsam ließ das Zittern nach.

Der Ofen glühte. Es war der große, alte Kachelofen ihres Großvaters, ein riesiges Teil, das bis unter die Decke reichte und drei Zimmer gleichzeitig beheizte. In der Küche diente der Ofen außerdem als Herd, im Wohnzimmer waren die blauen Kacheln ein Blickfang und im Esszimmer war er der perfekte Speisewärmer. Nach draußen zum Innenhof hin hatte er eine große Öffnung, die sehr praktisch war, denn so konnte man auch sperrige Gegenstände wie Stühle hineinschieben und sogar Brot oder Pizza backen.

Melanie zog ihren dicken Pullover aus. Sie war die Wärme nicht mehr gewohnt. Seit vier Jahren lebte sie in dem Bauernhaus, mit ihrem Pferd, ein paar Hühnern und einem kleinen Garten. Sie hatte sich einen Lebenstraum erfüllt. Nur der alte Ofen war ein Problem. Schon den ganzen Oktober hatte sie abends gefroren. Im Innern war ein Rohr porös geworden, das dringend ausgetauscht werden musste. Dafür kam niemand anders als der Schindele Hannes in Frage, der auf alte Kachelöfen spezialisiert war. Von ihm bezog sie seit Jahren das Brennholz und die Kohle für den Winter. Die gestiegenen Energiekosten waren freilich ein Schock gewesen.

„Aber Hannes“, hatte sie erwidert. „Wie soll ich das bezahlen? Sechstausend Euro? Das ist doch Wahnsinn. Letztes Jahr habe ich noch zweitausend bezahlt.“

Der Schindele Hannes hatte nur gleichgültig mit den Schultern gezuckt. Erst als sie ihn angefleht hatte, ihr einen Nachlass zu gewähren, hatte sich sein Blick verändert. Mit einem seltsamen Flackern in den Augen hatte er sie gemustert. So, wie er sie schon oft gemustert hatte, wenn er früher Holz geliefert hatte.

„Es gäbe da einen Weg für eine Vergünstigung“, hatte er gemeint.

„Was für ein Weg?“, hatte sie hoffnungsvoll gefragt.

„Ein Weg, auf dem es uns beide richtig schön heiß wird“, hatte er geantwortet und anzüglich gegrinst: „Ist das ein Deal?“

Melanie hatte es die Sprache verschlagen. Sie hatte nicht gewusst, was antworten. Trotzdem hatte sich der Schindele Hannes bereits voller Elan daran gemacht, das Holz in ihren Schuppen zu stapeln und die Kohle in den Keller zu verfrachten. Dann war er in den Ofen gekrochen, um das alte Rohr zu entfernen. Als sie ihm das neue hineingereicht hatte, war er grob geworden, hatte sie am Handgelenk gepackt und gemeint: „Zier dich nicht so! Du hast es doch faustdick hinter den Ohren.“

Vor Angst war sie wie gelähmt gewesen. Dann hatte Melanie panisch die Ofentür geschlossen. Sie hatte Feuer gemacht und war spazieren gegangen. Eine Stunde war sie fortgewesen. Nun war nichts mehr zu hören als das Knacken von Holz und das Knistern des Feuers.

Ihre Hände waren jetzt ganz ruhig. Ihre Wangen glühten. Nur langsam fand sie ihre Sprache wieder. Mit Blick auf die blauen Kacheln stammelte sie: „Okay … das ist ein Deal … jetzt ist uns beiden ja richtig schön warm geworden.“ Melanie legte noch ein Holzscheit nach und fügte hinzu: „So heiß wie es dir noch nie gewesen ist.“


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