• drsilkenowak

Rot wie Blut. Eine Wein-Kolumne.


Zu Wein hatte ich bisher ein unkompliziertes Verhältnis. Wenn ich mir ein Glas bestellt habe, sagte ich einfach: „Einen Roten, bitte. Gerne nicht zu sauer, aber auch nicht zu süß.“ Mein Sommelier des Vertrauens nickte dann und brachte mir denselben Wein, der mir beim letzten Mal schon geschmeckt hat – dessen Name und Jahrgang mir im Moment nur entfallen war.

Doch dann bekam ich ein „Weinseminar für Einsteiger“ geschenkt. Im Geiste hörte ich mich bereits mit distinguiertem Gesichtsausdruck Sätze sagen wie: „Im Bouquet feine Noten von Pflaume, mit einem Anklang an gebrannte Mandeln.“

Kurz darauf sitze ich auch schon mit drei anderen Einsteigern um einen großen Holztisch. Vor uns stehen Käsewürfel und eine beeindruckende Auswahl an Weiß- und Rotweinen, im Hintergrund geht die Sonne über dem Bodensee unter. Der Seminarleiter heißt Kilian und ist mir auf Anhieb sympathisch. Denn zum Einstieg verrät er uns einen Trick, wie man mit Minimalkenntnis maximalen Eindruck schinden kann. Dafür sollen wir uns die häufigsten Adjektive der Weinbeschreibung einprägen: „Blumig“, „beerig“, „fruchtig“, steht vorne an der Tafel, „würzig“, „erdig“, „samtig“, „seidig“, „körperreich“, „weich“ und „wuchtig“. Dann kombinieren wir die Adjektive mit der Wendung „im Abgang X“, wenn möglich noch mit einer Aussage zum Reifeprozess. Auch Vergleiche mit dem anderen Geschlecht wären unter Weinkennern beliebt, meint Kilian, sollten aber, wenn überhaupt, heutzutage nur noch sparsam eingesetzt werden, da man nie weiß, mit wem man es zu tun hat und es außerdem es schnell mal lächerlich werden kann, wenn ein Wein „reif wie die alternde Brigitte Bardot“ schmeckt.

Allgemeines Gelächter.

Besser als abgegriffenes Vokabular wäre freilich, der Phantasie freien Lauf zu lassen. Was sehen, riechen und schmecken wir wirklich? Kilian schenkt einen Rotwein ein. Wir schwenken, trinken, schwenken, trinken. Zunächst sollen wir „einfach nur“ die Farbe beschrieben. „Rot“, sagt ein Ingenieur. Ob das noch genauer geht, fragt der Seminarleiter. „Ein dunkles, leuchtendes Rot?“, fragt der Ingenieur zaghaft. „Ein tiefes Rot, wie die Abendsonne hinter schwarzen Wolken“, schlägt eine Dame vor. „Dunkelrot wie Blut, wenn es sich mit Tinte mischt“, sage ich. Alle verziehen das Gesicht. Entschuldigung, als Krimiautorin liegt der Vergleich ja nahe.

Dann schwenken wir wieder, schnuppern, trinken. Also, wie schmeckt der Wein?

„Süffig“, sagt der Ingenieur. Etwas anderes will ihm nicht einfallen. Er blickt auf die Adjektive an der Tafel und fragt: „Fruchtig, erdig, im Abgang samtig?“ Kilian nickt.

Wir schwenken wieder, trinken. Mit jeder weiteren Verkostung werden die Vergleiche gewagter: „Der schmeckt wie mein Sattel nach einem Ausritt im Regen.“ Kein guter Vergleich, finde ich, und schlage vor: „Wuchtig wie die Druckwelle eines Schusses, der in der Dunkelheit verhallt.“ Diesmal nicken alle anerkennend. So schnell gewöhnt man sich. Wir trinken.

„Elegant und fruchtig wie Sharon Stone“, jubiliert der Ingenieur deutlich angeheitert, als er seinen Lieblingsweißwein gefunden hat. „Muskulös wie ein Turner“, kontert die Dame, „körperreich und doch sanft im Abgang.“ Allgemeines Gelächter, doch Kilian findet den Vergleich gut.

So gerüstet mache ich kurz darauf den Feldversuch. Beim nächsten Restaurantbesuch sage ich: „Einen Rotwein bitte, gerne muskulös, aber dennoch sanft im Abgang.“ Der Sommelier sieht mich an, nickt und bringt mir den Wein vom letzten Mal

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